Albisiederplatz 6
1974–1979

Nach unserer ersten Presse-Orientierung mit dem Titel «Ein Bazillus für Zürich» (1972), wussten natürlich einige Leute, dass Dieter Schärer und ich schon lange ein geeignetes Lokal suchten.

Mein Freund Jürg Grau, Architekt und Trompeter, rief mich am 11. Juli 1974 an und erzählte, dass ein grosses Sous-Sol-Lager in der Liegenschaft Albisriederplatz 6 zu mieten sei. Er arbeitete damals als Freelancer für das Architektur-Büro «Wellmann» im obersten Stock.

Da, wo heute am Albisriederplatz die UBS-Filiale liegt, war in den 70er-Jahren ein Autozubehör-Geschäft Namens Acar AG drin. Dem Besitzer, Hr. Wullschleger, gehörte auch das Hinterhaus-Nr.6, wo die Acar AG im Sous-Sol eine Reparatur-Werkstätte und ein Lager für das Zubehör hatte. Ein grosser Teil seiner Firma zog dann in ein neues Lager- und Geschäftshaus in Schlieren-ZH. Das Kellerlager war unterirdisch mit dem Laden vorne am Platz verbunden, und es gab vorne im Laden einen Warenlift! Gute Aussichten für einen Umbau! Von Aussen sah man nicht, was da an Fläche im Untergrund und unter dem Parkplatz existierte.

Im Haus am Platz wusste man also, dass der Hausbesitzer den Kellerraum neu vermieten wollte. An einen richtigen Jazz-Club war aber ohne Alkohol-Patent nicht zu denken. Darum sollte das Lokal wenigstens als Musikerzentrum für Workshops und als Probelokal verwendet werden.

Ende September 1974 unterschrieb ich relativ zügig den Mietvertrag und kam so zu zirka 140 günstigen Quadratmeter für Fr. 603.- monatlich.

Meine erste Baueingabe

Beim Architekt Wellmann arbeitete übrigens ein Lehrling namens Christian Ostermeier (hier im Archiv prominent aufgeführt)! Wir machten einen Deal: er zeichnet mir einen 1:100 Plan für die Baueingabe und bekommt dafür den Kellerschlüssel um dort Flöte zu üben.

Mit einer kleinen Gruppe freiwilliger Helfer begannen wir den Keller auszuräumen. Hier ein paar, an die ich mich noch erinnere:

Bauliche Auflagen seitens der Behörden

Als dann nach meiner Bau-Eingabe die ersten Forderungen seitens der verschiedensten Behörden auf mich niederprasselten, musste ich am 1. November 74 wegen extremen Bauchschmerzen notfallmässig ins Neumünster-Spital gefahren werden. Der Oberarzt meinte, dass wir «schneiden« müssten…! Das hatte zur Folge hatte, dass ich innerhalb von zwei Stunden wieder gesund war. Eindeutig ein psychosomatischer Anfall…

Der Grund:

Gesundheits-Polizei

Für 30 zugelassene Personen musste eine Toilettenanlage für Damen und Herren mit Vorraum und Lavabo installiert werden. 

Zudem eine grosse Lüftungsanlage mit Frischluftkanal-Zufuhr aus der Nähe des 2.Stockwerkes. Die Abluft musste über das alte Kamin weggeführt werden. Schallschutzfenster brauchte es auch, verständlich…

Baupolizei und die Schandmauer

Für 30 Personen (z.B. Bigband) musste der Raum um einen Drittel kleiner werden!! Da, wo es besten gewesen wäre, nämlich im hinteren Teil, wo die Bewohner des Hauses weniger gestört würden, mussten wir den Raum mit einer ALBA-Gipswand abtrennen! Daraus entstand ein nutzloser Raum von 25 Quadratmetern nur wegen eines Paragraphen!

Hier das Beweis-Foto von der behördlichen Schandmauer…

Feuerpolizei

Gerade da, wo es am meisten Platz hatte, musste quer durch den Raum eine Metalltreppe als Notausstieg montiert werden. Art Blakey wurde am Live-Konzert durch dieses Ungetüm quasi verdeckt!

Dieter Schärer und ich starteten 1974 eine umfangreiche Gönneraktion. Siehe => Geschichten => «Ein Bazillus für Zürich»

Ende September 1975 haben wir den Bazillus-Workshop eröffnet.

Zuerst suchte ich Musiker, die einmal pro Woche proben wollten und organisierte rasch eine Dienstag-Session mit «all kinds of Jazz» und eine Samstag-Session die eher im für den Rockbereich gedacht war. Ich hatte leider nirgends aufgeschrieben, wer wann im Klub gespielt hatte. Ich habe aus dieser Zeit lediglich eine Liste mit Namen gefunden. Viele darunter hatten aber nicht gespielt, sondern waren Zaungäste. siehe Aufstellung am Schluss.

Zu den Dienstags-Sessions hatte ich zuerst einfach alle meine Kollegen aus Africana-Zeiten eingeladen und junge Musiker kamen schnell dazu.  Es ging wie im Lauffeuer herum, dass es da angesagte Sessions mit sehr guten Musikern gäbe. Die Musiker kamen aus, Basel, St.Gallen, Luzern und vor allem aus Bern. Auch viele Lehrer der Jazz-Schule Bern (ausser Bigler) waren aufgekreuzt, denn mit Sal Nistico zu jammen, war ein Ereignis! George Gruntz hatte damals beim Bellevue in Zürich ein grosses Theater-Musicalprojekt mit Jazz-Bigband organisiert. Deshalb waren viele US-Musiker in der Stadt. So kamen viele dieser Cats während mehrerer Wochen in den Bazillus-Workshop. Das wiederum hatte auch fast die ganze Bigband des UOB («Unterhaltungs Orchester Beromünster») aufgescheucht.

Die zweite «Bühne»

Der Bühnenbereich war zu der Zeit noch rechts vom Eingang. Die Nachbarin hatte sich mehrmals über den Lärm beschwert.

Fotos vom damals jungen Fotografen Christian Känzig von der «Bühne A»:

Anfangs Juni 1976 kam ein Anruf von Hugo Faas, der mich fragte, ob ich in ein paar Tagen blitzschnell ein Konzert mit Art Blakey und seinem Quintet organisieren könne, denn die seien im Süddeutschen Raum gestrandet und bräuchten Geld. Ich sagte zu. Anne und ich hatten in Handarbeit sofort 150 Couverts mit den Adressen von uns Bekannten  angeschrieben und die Marken draufgeklatscht. Die Band war im Hotel Stoller gegenüber untergebracht. Der einzige Cat von der «alten Garde» war der Trompeter Bill Hardman, bekannt auch vom «Bill Hardman - Junior Cook Quintet». In diesen und folgenden Jahren kam Blakey meistens mit seinen Schülern auf Euro-Tour . Ich dachte da schon, dass der alte «Pfupf» draussen war. In der Band waren also ein paar junge Musiker, die später Karriere machten, weil sie mit Blakey auf Tour waren. Die Gage lief «on the door» und ich konnte Blakey so nur 500 Franken in die Hand drücken. Er nahm das Geld, verduftete, und liess die Musiker zurück, die uns dann fragten, ob es jetzt etwas zu essen gäbe. Wir alle lebten um diese Zeit «low budget» oder gar «no budget». Doch Marcel Bernasconi hatte als einziger Geld dabei. Am Albisriederplatz gab es dann im billigsten Schweizerspunten für alle Älplermagronen mit Apfelmus und Bier.

Hier ein paar weitere Fotos vom einer Omnibus-Probe (Projekt Runo Ericksson) mit Pierre Favre, Irene Schweizer u.a.

Anschliessend noch ein paar Bilder vom Bazillus-Workshop mit Remo Rau, Hans Kennel, Andreas Vollenweider, Alex Bally, K.T. Geier u.a.

Insgesamt fanden zirka 85 Sessions und 43 Konzerte statt. Der Eintritt war Fr. 2.- den ich jeweils selber einkassiert hatte. Eine Bar gab es nicht. Die Leute brachten ihre Getränke selber mit. Ende 1978 wurde mir der Raum gekündigt, weil der Besitzer Wullschleger von der Acar AG das ganze Haus sanieren wollte.

Fazit:
Dieser erste Bazillus-Raum war die Basis für alles, was später folgte. Ich hatte schnell gelernt, dass es wichtig war, mit den Behörden klar zu kommen, obwohl ich immer noch eine unglaubliche Wut im Ranzen hatte, wegen der Bauauflagen seitens den Behörden. Über Bernhard Uhlmann öffnete sich die Tür zur Präsidialabteilung ein Spältchen und Stadtpräsident Sigi Widmer übernahm dann 1975 sogar das Patronat für den Keller. Die Presseaktionen zum ersten Verein machten den Ort bekannt und ich hatte erstmals das Gefühl, dass wir jetzt bei den Behörden positiv angekommen waren. Zudem hatten Hugo Faas («Musig am Määntig» Uni Mensa), Maria Zehnder (als rechte Hand von Claude Nobs direkt aus Montreux zurück), Jürg Woodtli (Wegbereiter Theater Spektakel) und ich 1978/79/80 gleichzeitig eine neue Ausgabe «Internationales Jazz Festival Zürich» organisiert.  Alles mit Unterstützung von Bernhard Uhlmann von der ehemaligen Präsidialabteilung. Der Erfolg war immens. Aber in dieser Zeit brodelte es unter der Oberfläche ganz gewaltig…

Als Antwort auf die 68er-Unruhen hatten die Behörden in den 1970er-Jahren auf Repression geschaltet.

Darauf herrschte nun Aufbruchstimmung in der Stadt, die im Sommer 1980 explodierte.

Der Kampf aller Beteiligten, die ab Mitte 60er für mehr Freiraum gekämpft hatten, wurde belohnt. Die «Rote Fabrik», das «Kanzlei-Areal» und «Bazillus» konnten anfangs der 80er endlich realisiert werden.

Anhang: Die Musiker im Bazillus-Workshop I

In dieser Liste sind auch Musiker aufgeführt, die ich auf authentischen Notizen gefunden habe.

Bunny GouldBert ThompsonCharlie HoferChristian Känzig (dr, p)Christian Ostermeier (sax, fl)Christoph Litz (sax)Chris Amberger (db)Christy Doran (g, efx)Daniel Bourquin (sax, bcl)Daniel Steinauer (keys)David Brühwiler (keys, p)Dave Doran (dr)David Murray (sax)Duško Gojković (tp, flh)Eddy Maron (g)Eric Peter (b)Felix Eberle (dr)Felix Haug (dr)Franz Biffiger (p)Fredy Studer (dr, perc)Freddy Meier (sax)Fernando Vicencio (sax, flh)Geri Hauck (vib)Håkan Nykvist (tp)Hans Bosshard (eb, keys)Hans Foletti (b)Hans Kennel (tp, flh, fl)Hans Peter Künzle (b, eb)Harald Haerter (g)Hardy Hepp (viol)Heiner Althaus (sax)Heinz Oberhänsli (p)Heinz Lieb (dr)Herbie Hartmann (dr)Jürg Grau (tp, flh)Jürg Planta (dr)Jürg Solothurnmann (sax)K.T. Geier (b)Klaus Koenig (keys)Kurt Baebi (keys)Kurt Schaufelberger (dr)Jakob Schönenberger (keys)Lennart Axelsson (tp)Marc Hellman (dr)Mario Feurer (viol, voc)Mario Schneeberger (as)Markus Geiger (fl, sax)Markus Hirsch (dr)Markus Steckeler (dr)Mickey Tucker (p)Mike Barone (tb)Nick Liebmann (dr)Norbert Möslang (efx)Paul Haag (tb)Paul Jakob (keys)Peter Bockius (db)Peter Burkhard (g)Peter Frei (db)Peter K. Frey (b)Peter Giger (dr, perc)Peter Keiser (b)Peter Kowald (b)Peter Schmidlin (dr)Radu Malfatti (tb)Rainer Weber (g)Raffael Waeber (g)Remo Rau (p)René Bondt (keys)René Hablas (g)René Krebs (tp)René Rüegg (dr, ts)Roberto Biagini (sax)Robert Mark (dr)Roger Barmann (perc)Rolf Bänninger (dr)Roman Schwaller (sax)Ron Mathewson (db)Runo Ericksson (btb)Tony Levin (dr)Sal Nistico (sax)Jojo Mayer (dr)Stephan RonnerStephan Wittwer (g)Terence Stevens (b)Tony Scott (cl)Tutilo Odermatt (p)Urs Blöchlinger (sax, fl)Vince Benedetti (btb, flh, p)Vali Mayer (b)Walter Keiser (dr)