Stampfenbachstrasse 8 – 8001 Zürich
1980–1982

Der klassische 365er-Jazzclub

In den den 50er und 60er-Jahren gab es in den USA die bekannten Jazzclubs, die je nach Standort das ganze Jahr geöffnet hatten. Ausser vielleicht diejenigen im Süden, die im Sommer Saison-Siesta machten. Meine damaligen Musiker-Freunde wurden in Zürich quasi durch den 365er-Klub «Africana» geprägt. Auf diesem Vintage Zündholz-Briefchen kann man sehen, wie oft täglich gespielt wurde. Später hatte der Gerant Hugentobler etwas reduziert, aber immer noch war das «Africana» mit den Sonntag-Nachmittag Konzerten zusammengezählt ein 400er-Live-Klub.

In ganz Europa hatte ich ab Mitte der 60er-Jahre auf Tourneen und Reisen verschiedenste solche Klubs besucht. Etwa das «Domicile» in München, das «Downtown-Düsseldorf», die «Jazz-Gallerie Berlin», das «Jazzhus Montmartre» in Kopenhagen usw. Als wir das Bazillus-Musikrestaurant eröffneten, war es für mich klar, dass dieser Klub das ganze Jahr über Konzerte anbieten soll.

Ich stellte also erstmals in meinem Leben ein «365er-Musik-Programm» zusammen. Nach und nach arbeitete ich mit den ersten Konzert-Agenten zusammen. Das waren in Holland Wim Wigt, GKP-Gabriele Kleinschmidt (D), Ulli Blobel (D), Saudades-Thomas Stöwsand in München (später Österreich) , Vera Brandes in Köln und viele andere.  Die teuren, grossen Namen spielten vielleicht nur eine Nacht. Die Tour-Agenten fanden es aber durchwegs sehr gut, wenn die Bands 2-4 Tage auftreten konnten, anstatt am anderen Tag schon wieder weiterreisen zu müssen.

Hier ein paar Screenshots von ein paar bekannten Namen, die 1980-82 aufgetreten sind:

Die Musiker waren im Hotel «Goldenen Schwert» untergebracht und da war im ersten Stock auch noch eine Disco und ein Restaurant, wo man, wenn nötig, die Musiker bis 2 Uhr verpflegen konnte. Damals gab es fast keine Lokale, die nach der allgemeinen Sperrstunde noch etwas servierten. Ansonsten konnten alle Musiker bei uns auf der Estrade im Klub essen. 

Die Haupteinnahmen machten wir natürlich Freitag und Samstag Abend. Das betraf vor allem Bands mit Afrobeats und Latin-Salsa-Formationen oder Funkgruppen. Manchmal buchte ich diese Bands auch für vier Tage. Und natürlich die «Specials» mit bekannten Formationen. Am Sonntag Nachmittag spielten die jungen, unbekannten schweizer und lokalen Gruppen und am Sonntag Abend jeweils bekannte einheimische Jazzgruppen. 

Das Publikum orientierte sich vor allem über das Musikprogramm des Monats. Wir hatten viele Reservierungen aus Süddeutschland und aus anderen schweizer Kantonen.

Siehe => Sammlungen => Programme

Für insgesamt 24 Monate war im Bazillus-Musikrestaurant alles vertreten: Local-Groups, CH-Bands, Eurobands, Musiker aus Übersee, auch Südamerika und Afrika und Bands oder aus den Ostblockstaaten, und ein paar wenige aus Fernost. 

Die 80er Unruhen

Kaum hatten wir unseren Klub eröffnet, folgten die «Opernhaus-Krawalle». Wir hatten gerade einen bekannten Musiker auf der Bühne als ein paar Demonstranten in den Bazillus flüchteten. Dummerweise hatten wir bei der Bühne die Türe offen um frische Luft rein zu lassen, als die Polizei, dein Freund und Helfer, nichts Besseres wusste, als im Hof eine Tränengas-Kartusche zu zünden. Es entstand kurz Panik im Klub. Ich musste die Lüftung auf 100% erhöhen… 

 

Christian Rentsch, der damalige Musikkritiker des Tagesanzeiger, sah den Bazillus nicht als «echten» Jazz-Laden. Er bezeichnete das Programm als Tanz - und Dinnermusik und obendrein als kommerziell, flach und langweilig, und er bedaurte das Fehlen der Zürcher Jazzszene.

Auf Grund dieser Kritik habe ich dann diese Konzert-Statistik ins nächste Programm genommen.

Hier entstand eine interne Redewendung unter Musikern: …«Bist Du auch schon von Chlönian Glintsch verrenscht worden?».

(Auf Schweizerdeutsch bedeutet "chlönen" etwa "nörgeln" oder "jammern".)

Es herrschte insgesamt eine gehässige Stimmung in der Stadt und es dauerte noch etwa 3 Jahre, bis der «Bazillus/Hotel Hirschen» subventioniert (Gemeinderats-Beschluss) wurde, und die «Rote Fabrik» sowie das «Kanzlei-Areal» nach den 80er-Unruhen» mit grosser Unterstützung (Volksabstimmung) endlich realisiert werden konnten.

Unrealistisches Musikbudget:

Ich hatte ursprünglich ein viel zu tiefes Budget für die Musikkosten vorgelegt und war der Annahme, dass die internen Buchhalter mir schon mitteilen würden, ob ich im Budget liege oder nicht. Das war aber nicht der Fall. Ich hatte als völliger Laie keinen Einblick in die Buchhaltung. Einer der Finanz-Verantwortlichen nahm schon im Oktober 1980 ohne unser aller Wissen Kontakt mit der Commercio Piccadilly AG auf…

Ende Jahr gab es also im Musikbetrieb schon ein Defizit von Fr. 120'000.-. Und Ende 1980 war dann auch bekannt, dass die Baukosten um Fr. 430'547.- höher waren als berechnet (Schreiben von Jochen Uhl an mich vom 16.März 1981). Es gab noch Ideen, wie wir das Ganze besser hätten organisieren können. Die wichtigste Person, der Architekt Jochen Uhl, stieg dann leider aus, was wir alle sehr bedauerten.

Dann kamen die neuen Besitzer, Walter Schoch und Heini Werner von der Commercio Piccadilly AG dazu. Einige der Aktieninhaber hatten die Bazillus AG verlassen. Die neuen, finanzstarken Besitzer luden mich und auch Dieter Schärer, Bernhard Uhlman und den Wirt Franz Baumberger ein, weiterhin dabei zu bleiben.

 

 

Auf meinen Vorschlag, das Programm zu verschlanken, ging Heini Werner nicht ein. Wir haben später immer vermutet, dass er uns «auflaufen liess». Die Stimmung war von Anfang an schlecht. Dann hiess es, finanziell neu einzusteigen oder den eigenen Aktienanteil «ans Bein zu streichen», was für uns «Kulturelle» nicht möglich war und auch von den neuen Besitzern intern nicht vorgesehen war. Anne und ich verloren 50'000.- Franken und mussten dann meinen Eltern das Darlehen «abstottern». Zum Glück lief unser «Grafik-Atelier Kennel-Christiansen» sehr gut. Es war zwar schmerzhaft, aber insgesamt zu ertragen. Auch Dieter Schärer, Bernhard Uhlmann und der Wirt Franz Baumberger verloren ihr Aktienkapital.

Fazit

Das Medien-Echo war gross und nun schalteten sich auch das Stadthaus und die Politiker ein, endlich einen sicheren Hafen für unseren Bazillus zu finden. Das führte schlussendlich im folgenden Bazillus Hirschen zu einer neuen Kultur-Betriebsform: Ein von der Stadt subventionierter Kulturverein ist da der Mieter, und nicht Leute aus dem Restaurationsgewerbe. 

Das Bazillus-Musikrestaurant wurde am 10. März 1982 geschlossen und dann zu der heutigen «Commihalle» umfunktioniert. In der neuen «Commihalle» wurde eine neue Jazzreihe «Jazz Con Pasta» eingeführt.