Keine Abrechnung

Diese Geschichte soll keine späte Abrechnung gegen irgendeine Behörde sein, denn die Beamten machten innerhalb der vorliegenden Gesetze einfach ihren Job. 

Ohne die finanzielle Unterstützung der Stadt Zürich hätten wir unsere «Freiräume» im teuren Zürich nie realisieren können. 

Gute «Policey»

Wikipedia: «…Das Wort «Polizei» entsteht aus dem Begriff «gute Policey». Dieser Begriff bezeichnete anfangs nicht eine Verwaltungseinheit oder Funktion, sondern ein Ziel: Das geordnete und geregelte Zusammenleben in einer Gesellschaft. Die immer umfassendere Regulierung aller möglichen Aspekte im Leben eines Untertanes gipfelte im absolutistischen Polizeistaat des 17. und 18. Jahrhunderts. Für die Durchsetzung und Kontrolle dieser Regeln war sodann die «Policey» zuständig. Spuren dieser Begriffsentwicklung finden sich in den später, veralteten Bezeichnungen «Fremdenpolizei», «Gesundheitspolizei», «Baupolizei», «Sittenpolizei» oder «Feuerpolizei» usw.»

Folgende Aufstellung zeigt, wie sich die Behörden in den letzten 60 Jahren in «Zeitlupe» verändert haben.

Ämternamen damals und heute

Präsidialabteilung der Stadt Zürich ➔ 
Präsidialdepartement der Stadt Zürich

Gesundheitspolizei ➔ 
Umwelt und Gesundheitsschutz Zürich (UGZ)

Wirtschaftspolizei (WiPo) ➔ 
Stadtpolizei, Departement Gastgewerbe

Sittenpolizei (SiPo) ➔ 
Stadtpolizei, Fachabteilung Milieu und Sexualdelikte

Hochbauamt der Stadt Zürich ➔ 
Amt für Hochbauten der Stadt Zürich

Fremdenpolizei (FrePo) ➔ 
Kanton Zürich, Migrationsamt

Baupolizei ➔ 
Stadt Zürich, Baukontrolle und Bauabnahme

Feuerpolizei ➔ 
Stadt Zürich, Sicherheitsdepartement, Schutz & Rettung, Feuerpolizei

Einige Ämternamen haben sich zwar der heutigen Zeit angepasst, und kommen lieblicher daher, obwohl die Gesetze zu baulichen Auflagen gleichgeblieben sind. Die UGZ - «Umwelt und Gesundheitsschutz» hat uns 2004 im letzten Klub (Bazillus ad hoc Live Club) eine Belüftungs-Anlage aufgebrummt, die dann insgesamt CHF 110’000 gekostet hat – für ein Lokal für 100 Personen, weil sie auf Raucher berechnet wurde. Kurz darauf kam das Rauchverbot in allen Restaurants und Bar’s.

Platte 27 an der Plattenstrasse – Wirtschaftspolizei 1966

Jonas C. Haefeli: «Auf Geheiss der Wirtschaftspolizei durften eigentlich nur Vereinsmitglieder oder Gäste in Begleitung eines Mitgliedes in den Club. Dieses Problem lösten wir damals, indem wir eine Proforma-24-Stunden-Mitgliedschaft einführten und damit den Behörden ein Schnippchen schlagen konnten. Ende 1967 wurde das Haus an die Stadt Zürich verkauft. Trotz gegenteiliger Zusicherungen hat uns die Stadt dann überraschend gekündigt. Die Stadt liess dann das Haus abbrechen und einen Parkplatz auf dem Grundstück erstellen.»

Siehe auch Geschichten > Platte 27 

Inspiration in Kopenhagen:
Die dänischen Behörden waren damals in Sachen Jugendkultur gegenüber Zürich viel weiter…

Ich spielte 1968 zuerst im Studenten-Klub in Kopenhagen. Der kam schon damals wie ein alternativer Laden daher und sah nicht nach einem verwalteten Raum aus. Die Dänen waren schon damals ein tolerantes Volk. Ausser mit den Mitgliedern des Königshauses ist man in ganz Dänemark per DU! Auf der Strasse, in den Shops, bei den Behörden, den Polizisten, den Politikern, im TV usw. Wie würde sich das in Zürich anfühlen?

1970: Das Huset Kopenhagen (ehemals Huset i Magstræde) ist Dänemarks erstes und größtes Kulturzentrum mit 5 Bühnen. Fünf Jahrzehnte lang hat das Huset den Kopenhagener Underground geprägt und war Schauplatz für eine breite Palette prominenter dänischer und internationaler Künstler. Das Haus bietet sowohl der kreativen, aufstrebenden Schicht als auch professionellen Künstlern in den Bereichen Musik, Film, darstellende Kunst und gesprochenes Wort Raum und ist seit 1970 Schauplatz einzigartiger und origineller Erfahrungen.

Freistadt Christiania:
Junge Menschen besetzten dann 1971 eine grosse, ehemalige militärische Anlage, mitten in der Stadt Kopenhagen und gründeten darauf die «Freistadt Christiania». Anfangs war das für die Behörden und das Stimmvolk eine echte Herausforderung. Christiana besteht heute noch. Alles hat sich beruhigt und ist, wie das immer ist, braver geworden. Auch das 1970 eröffnete Jugendzentrum «Huset», mitten in der Stadt, gibt es ebenfalls noch.

Siehe auch Geschichten > Jazz in Kopenhagen

Das erste, interne Layout (noch in Kopenhagen von Beat entworfen) für ein Bazillus-Plakat zeigt die Stimmung in Zürich. Ich wurde damals über meinen Kollegen Bernasconi durch Jonas C. Haefeli informiert, dass die Platte 27 abgerissen worden sei. 

Spätestens bei der Platte 27 waren wir alle sicher, dass die Zürcher Baupolizei hinter dem Abbruch steckte. Die allgemeine Wut der Jugend entlud sich 1968 auf den Strassen.

Beat Kennel zurück aus Kopenhagen.

Büro für Aussenwerbung und Plakate in Zürich 1969

Als Marcel Bernasconi und ich die Posters für unsere ersten Einzelkonzerte gedruckt hatten, mussten wir damit jeweils zum obgenannten Büro an der Gartenstrasse mit der ganzen Druck-Auflage antraben, um jedes einzelne Poster abzustempeln. 1 Franken pro Stück. Zu viel für junge Leute. Da wurde auch kontrolliert, ob etwas Anstössiges getextet oder dargestellt wurde. Das war durch die Beamtenfront die pure Zensur.

Das «Gesetz betreffend das Markt- und Hausiererwesen» 1894–1975

Hier stellt sich intern die Frage, welche Politiker, Parteien oder Behörden diesem Gesetz klammheimlich den Garaus machten.
Wenn das noch jemand weiss: bitte feedback@bazillusarchive.ch kontaktieren.

Präsidialabteilung der Stadt Zürich

Alle wussten, dass der damalige Stadtpräsident Dr. Sigmund Widmer in der ersten Hälfte der siebziger Jahre in einem Interview erwähnt hatte, das Jazz und Rock keine Kultur sei, obwohl er in seinem Mitarbeiterstab Leute hatte (zum Beispiel Adjunkt Bernhard Uhlmann), die wussten, welchen Stellenwert der Jazz schon damals innehatte. 

Beim Kanton war man 1973 betreffend Jazz hingegen offener. Das sieht man hier in einem Schreiben von der Musik-Sachverständigen der kantonalen Kulturförderungs-Kommission, Frau Dr. Staub, an unseren neuen Mitstreiter George Gruntz.

Die Jazzreihe von Remo Rau und Irene Schweizer «Modern Jazz Zürich MJZ» im Säli des «hinteren Sternen» hatte zeitgleich ebenso gegen eine Wand anzukämpfen. Von der Stadt bekam man damals praktisch keine finanzielle Unterstützung.

Präsidialabteilung der Stadt Zürich 1971

Dieter Schärer und ich gingen 1971 zu Bernhard Uhlmann (Präsidialabteilung der Sradt Zürich), der zum Glück bereit war, unser Projekt «ein Bazillus für Zürich» zu unterstützen. Er und George Gruntz hielten an einer Presseorientierung einen Speech.

Die Gründung des ersten Bazillus-Vereins «Verein zur Förderung des Bazillus-Kommunikationszentrums» mit bekannten Namen im Vorstand hat vor der Eröffnung bewirkt, dass Stadtpräsident Sigi Widmer das Patronat für den Bazillus-Workshop I übernommen hat.

Stadtpolizei

1976: Bazillus Workshop I
Zwei Wochen nach der Eröffnung: Einem jungen Besucher wurde es während eines Konzerts zu stickig und er öffnete oben beim Holzboden eines der Schallschutzfenster. Ein sensibler Nachbar hat sich dann bei der Polizei beschwert. Der Beamte wartete oben beim Eingang (immerhin). Ich ging rauf und nahm in einer Sichtmappe das Schreiben von Stadtpräsident Widmer mit, wo eben drin stand: «…unter dem Patronat des Stadtpräsidenten», und dass er uns viel Erfolg wünsche für unseren neuen Bazillus-Workshop I. Der Polizist sagte nur, dass wir die Fenster schliessen sollen. Bis zur Schliessung 1979 kamen die Polizisten vom Quartier nie mehr vorbei, obwohl der Konzertbetrieb gar nicht bewilligt war.

Präsidialabteilung der Stadt Zürich

Zur Eröffnung gab es von der Stadt erstmals CHF 5’000 für den Umbau.

Baupolizei, Wirtschaftspolizei, Gesundheitspolizei, Feuerpolizei

Vor der Eröffnung dieses Workshops musste ich hingegen als junger, unerfahrener Mann am eignen Leib erfahren, was «bauliche Auflagen» bedeuten!

Siehe Geschichten > Bazillus Workshop I

Ich hatte mir geschworen, dass ich alles nur erdenkliche unternehme, damit sich da etwas ändern wird.

Gesundheitspolizei

Als wir dann 1980 das erste, grosse «Bazillus Musikrestaurant» an der Stampfenbachstrasse 8 durch die Bazillus AG eröffneten, war es wiederum das gleiche Prozedere. Für eine überdimensionierte Lüftung musste der geplante Backstage-Raum 60% verkleinert werden. Es gab da nur einen Tisch mit 7 Plätzen. Bei grösseren Gruppen (z.B. Art Blakey and the Messengers Bigband) mussten wir die Musiker auf dem Balkon verköstigen.

Eine Woche vor der Eröffnung wollte ein Beamter den Klub nicht freigeben, weil er mit der Bestuhlung nicht einverstanden war. Stadtpräsident Sigi Widmer machte dann ein Telefonat mit seinem Chef. Der Club konnte wie geplant eröffnet werden. 

Fremdenpolizei

Büro schräg gegenüber des damaligen Bazillus Musikrestaurants…

Das Musikprogramm war sehr international ausgerichtet und erfordere Auftritts-Bewilligungen durch die Fremdenpolizei, die wiederum das Material per Post (!) nach Bern schicken musste. Die Beamtin am Schalter war eine richtig böse Person und drangsalierte alle um sie herum. Die Ausländer auf den Bänken sassen eingeschüchtert da und hatten Angst vor ihr. Ich teilte Bernhard Uhlmann mit, dass das mit den Bewilligungen so nicht weitergehen könne. «Adjunkt» Uhlmann organisierte mit ihm, mir und dem Chef der Fremdenpolizei (gleicher Rang wie Uhlmann) ein Treffen. Er war sehr verständnisvoll und lobte zudem die günstige Bazillus-Küche gegenüber.

Bei meinem nächsten Besuch war die Frau am Schalter nicht mehr da. Die Mitarbeiter strahlten übers ganze Gesicht und teilten mir lachend mit, sie sei versetzt worden - Bingo!

Sie sah übrigens irgendwie so aus wie diese Frau am Schalter im Film «Monsters»…

Im Bazillus Hotel Hirschen gab es von den Behörden baulich keine Probleme, weil wir keinen Umbau hatten. Das Lokal war zum Glück schon vorher als Konzertlokal bewilligt. 

Beitrag der Stadt Zürich

Der Mietzins des Bazillus-Hotels Hirschen von CHF 1'000 pro Tag (!) wurde durch das Präsidialdepartement der Stadt übernommen.

Was dann nach der definitiven Schliessung passierte, war emotional gesehen, für uns persönlich eher ein Zusammenbruch.

Gemeinderats-Entscheid

Im Gemeinderat stimmten im Juni 1986 fast alle Parteien mit einem JA für den Bazillus-Klub, aber nicht im teuren Hotel Hirschen.

Liegenschaftenverwaltung der Stadt Zürich (LVZ)

Die LVZ bekam von Gemeinderat intern die Aufgabe, in ihrem Gebäude-Portefeuille nach einem geeigneten Standort für den Bazillus Ausschau zu halten. Ich und der Kulturchef Dr. Jean-Pierre Hoby gingen zu dieser Zeit in die Zentrale der LVZ. Frühmorgens wurden alle Sachbearbeiter in den obersten Stock beordert. Ich glaubte, dass mein damaliger Wunsch (1974) jetzt in Erfüllung ging, dass die Behörden jetzt erstmals umgekehrt gesehen, etwas für uns unternehmen mussten! Die Hälfte der Beamten schauten grimmig drein, die anderen sahen freundlich aus. Der ehemalige Vizedirektor Jürg Keller sagte mir viele Jahre später, dass ich für einige dieser Herren schon immer ein «rotes Tuch» gewesen sei. Die andere (meist jüngere) Hälfte sei positiv eingestellt gewesen. Genützt hatte es trotzdem nichts. 

Hochbaudepartement (Amt für Hochbauten)

Das Amt für Hochbauten hatte von der LVZ den Auftrag bekommen, Pläne von diversen Restaurants zu zeichnen. Es war leider nur eine Alibi-Übung. Keines dieser Projekte wurde je realisiert. In diesem Zusammenhang besuchte ich 1987 dieses Amt mehrmals, um mit dem Stadt-Architekten bei vorgeschlagenen Beizen-Projekten den Bestuhlungs-Plan zu bestimmen und wo die Bühne hinkommen soll. Ich sagte dem Architekten, ein äusserst freundlicher Mann, dass es doch cool sei, wenn man einfach nur Pläne zeichnen kann … den Tränen nahe, teilte er mir mit, dass die Stimmung hier nicht auszuhalten sei! Der vorherige Chef Hugo Farner musste 1986 zurücktreten. Im Inneren dieses Amtes kam man sich in diesen Jahren vor, wie in einem Schwarzweiss-Gruselfilm. Die miese Beleuchtung, diese grauen Decken-Bögen widerspiegelten, was in diesen Räumen passiert war.
SRF News: Tod von Zürcher alt Stadtrat Hugo Fahrner

Als ich 2004 den Projekt-Leiter Paul Ebnöter im gleichen Amtsgebäude wegen des Umbaus des neuen Bazillusclubs besuchte, war alles schön renoviert. Alle Gänge und Treppenaufgänge waren nun hell beleuchtet. Im Dachstock wurden grosse Dachfenster eingebaut für einen Treffpunkt, wo man Sitzungen mit einem Käfeli abhalten konnte. Es herrschte eine regelrecht gute Stimmung. Das Amt für Hochbauten leuchtete jetzt wie eine Perle.

Wirtschaftspolizei, Feuerpolizei und das Finanzamt

Kurz nach der Schliessung des Bazillus-Hotel Hirschen, eröffnete ich in unserer ehemaligen Loft-Atelier-Wohnung das erste B-Flat (illegal bzw. privat). Hier gibt es weitere, lustige Räuber-Geschichten mit den diversen Behörden.

Siehe Geschichten > Das erste B-Flat

Präsidialdepartement der Stadt Zürich und Lotteriefonds des Kantons Zürich

An die Umbaukosten des «Bazillus ad hoc Live Clubs» an der Ausstellungsstrasse 21 bekamen wir von der Stadt CHF 25’000 und vom Lotteriefonds des Kantons Zürich CHF 50’000.

Der Popkredit der Stadt Zürich subventionierte den BazillusKlub mit jährlich CHF 12’000.

Zudem übernahm das Präsidialdepartement 50% der Mietkosten.

Liegenschaftenverwaltung und Amt für Hochbauten der Stadt Zürich

Verantwortlich für den Umbau des «Bazillus ad hoc Live Clubs» an der Ausstellungsstrasse 21 war das Amt für Hochbauten, das im Auftrag der LVZ den Raum für insgesamt CHF 800’000 bezugsbereit fertig gestellt hatte.
Einfach zu teuer! Wir mussten diese Amortisation teils über die Miete zurückzahlen = Umsatz-Stress. Da war leider kein reicher Onkel aus Amerika da, der das übernommen hätte. Wenn doch, dann würde dieser Klub noch heute bestehen!

See Geschichten > Bazillus ad hoc Live Club

Sittenpolizei

«Eye- and Eargasm Space Party» organisiert von «Discover Art» by Hubi Horst.
Vorführung des Films «Space is the Place» über den Musiker Sun Ra.

Ein Beamter der Sittenpolizei, mit anscheinend wenig Englisch-Kenntnissen, hatte hier eventuell eine Swingerparty vermutet… Er stellte sich während des Anlasses bei unserem Barchef Andreas Müller vor und fragte an der Bar, ob nach diesem Anlass noch eine Party stattfinde…

Abschliessende Statements von Freunden

DU – das Kulturmagazin
August 1991

Spurlos vorhanden – Einzelgänger in Zürich

Beat Kennel. Blue Notes from Zurich
von Peter Rüedi, 1991

«… Heute hat Kennel weit über 1200 Konzerte organisiert, und er macht weiter, wenn auch immer dezidierter, ausserhalb der in den letzten Jahren beträchtlich aufgeblähten städtischen alternativ kulturförderlichen Bürokratie. BK: «Die sollen Räume und Bewilligungen zur Verfügung stellen, die Bürokratie in Schach halten und sich ansonsten nicht viel einmischen».

Im Klartext: Förderung von sogenannter alternativer Kultur heisst weniger, diese materiell zu mästen (sie so oder anders auch zu vereinnahmen oder zu kastrieren); sie bestünde aus einer gesteigerten Tolerierung von Kommunikation, von nicht verwalteten Freiräumen. Eine Frage der Toleranz. Die allerdings ist der Gradmesser für jene urbane Qualität, die das offizielle Zürich als Chance zu erkennen, so viel Mühe hat.“ …»

 

Dankesbrief von Stadtpräsidentin Corine Mauch
März 2013